Eine menschenfreundliche Kultur

Foto: Privatarchiv H.P. Gautschin

Wir stecken derzeit nicht nur in einer Finanz- und Wirtschaftskrise; wir stecken vielmehr in einer eigentlichen Sinnkrise. Wir erkennen, dass mehr Konsum nicht automatisch mehr Lebensqualität bedeutet. Haben wir in den letzten Jahrzehnten unser Augenmerk lediglich auf unseren Lebensstandard gerichtet, so müssen wir jetzt schmerzlich feststellen, dass der Anteil an finanziellen Mitteln, der für die Erfüllung unserer Wünsche zur Verfügung steht, schrumpft angesichts wachsender Kosten für die individuellen wie kollektiven Verpflichtungen.

Möglicherweise sind die gerne als „Ewiggestrige“ verunglimpften Traditionalisten, die sog. „Volkskulturellen“, doch nicht so rückständig gewesen in ihren Ansichten über das Leben. Ich selber bin in der glücklichen Lage, eine Nachbarsfamilie zu haben, die mir in den letzten Jahren Lehrmeisterin für so Manches geworden ist. Diese Nachbarsfamilie lebt eine intakte Gemeinschaft. Sie sind Besitzer einer Getränkehandlung, versorgen das eigene Dorf und die angrenzenden Dörfer mit köstlichem Nass und das mit wirtschaftlichem Erfolg seit über dreissig Jahren. Daneben sind sie noch Teil-Selbstversorger. Sie unterhalten einen grossen "Pflanzplätz", halten sich Kaninchen und heizen mit Holz. Fast hätte ich es vergessen: Sie helfen ihrem Verwandten tatkräftig beim Bauern mit - und das in hoher landwirtschaftlicher Kompetenz. Trotz dieses von Aussen gesehen grossen Arbeitspensums habe ich sie nie gestresst erlebt.

Diese Nachbarsfamilie erinnert mich an meine Kinder- und Jugendzeit. Ich selbst erlebte hautnah den Aufbruch in die sog. „Moderne“. Ich wurde beispielsweise von meinen Mitschülern mitleidig belächelt, weil mein Vater nicht zu bewegen war, in eine Ölheizung zu investieren. Er wollte sich nicht abhängig machen von einer Erdölindustrie, die er nicht kannte. Im Gegensatz zum eigenen Waldstück, wo er mit jedem Baum auf Du war. Selbstredend hatten wir auch keinen Fernsehapparat im Hause. Das zerstöre nur den Familiensinn, meinte mein Vater. Ich schämte mich damals für diese „Rückständigkeit“. Doch heute gebe ich ihm posthum Recht. Er plädierte nämlich, ohne das entsprechende Wort je zu gebrauchen, für Lebensqualität. Für ihn waren Rücksichtnehmen, Zurückstehen können, Verzicht auf alles, was nicht notwendig ist, ethische Bemühungen zugunsten des allgemeinen Wohls. Das seiner Familie, das seines sozialen Umfelds.

Lebensqualität, das ist nämlich seelisches und körperliches Wohlbefinden, aber auch ein intaktes soziales und menschliches Umfeld. Das wäre dann wiederum „Volkskultur“ im ursprünglichen Sinn: Eine menschenfreundliche Kultur, die bewegt und den Alltag belebt.

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